Tagung: Kinder- und Jugendliteratur werten. Im Spannungsfeld zwischen Literaturkritik und Deutschunterricht

02. März 2016 Von: C.Jantzen Gruppenbeitrag

Tagung der AG Jugendliteratur und Medien der GEW Hamburg
am 13.2.16 im Curiohaus

Am Samstag, d. 13.2.16 bot die AG Jugendliteratur und -medien der GEW Hamburg eine Tagung zur Weiterbildung an, die die Bewertung von Kinder- und Jugendliteratur durch Rezensenten zum Thema hatte und den Möglichkeiten nachging, wie Schülerinnen und Schüler im Deutschunterricht ihr Urteil über ein Buch von der rein inhaltlichen Bewertung zu einer mehr formal-ästhetischen weiterentwickeln und sich ihrer eigenen Kriterien bewusst werden können.

 

Die Einladung lief über die Informationskanäle der Universität, der GEW und des Lesenetzes, das vielen Leseförderinitiativen in Hamburg ein Forum zur Kommunikation bietet. Der Einladung waren ca. 50 Teilnehmer gefolgt, die aus verschiedenen Kontexten kamen:
LehrerInnen, Studierende, VerlagsmitarbeiterInnen, Bibliothekarinnen, LeselernhelferInnen, ja, auch eine Autorin.
 

Nach einem Überblick über die Rezensionsarbeit der AG Jugendliteratur und –medien auch auf Bundesebene, deren Ergebnis die für alle abrufbare Datenbank im Internet ist, durch Dr. Christoph Jantzen (Hamburg) hielt Prof. Dr. Thomas Zabka (Hamburg) das grundlegende Einführungsreferat "Werturteile über Texte im Unterricht. Zum didaktischen Potential einer starken Komponente der Rezeption".

 

Er legte dar, dass einUrteil über ein Buch aufgrund mehrerer unterschiedlicher Kategorien gefällt wird. Das kann geschehen nach der moralisch/politischen oder pädagogisch-didaktischen Kategorie (das Buch ist nützlich oder schädlich). Der Beurteiler kann aber auch ästhetisch-formale Maßstäbe anlegen oder lässt seine spontanen Emotionen, seinen persönlichen Geschmack oder seine bisherige Lebenserfahrung den Ausschlag geben.

 

Letztere Herangehensweise ist diejenige, mit der alle wenig Literaturerfahrenen zuerst ein Buch wahrnehmen, d. h. auch Schülerinnen und Schüler. Aufgabe des Unterrichts ist es, aus der unreflektierten Wertung ein gut begründetes Urteil zu machen. Ihre Aussagen über ein Buch enthalten bereits eine implizite Wertung, die durch Nachfragen konkretisiert werden sollte. In der Folge eignen sich die Schüler die nötigen sprachlichen Mittel und das adäquate Vorgehen an. Von der rein inhaltlichen und der Figurenbeurteilung  kommen sie dann zur Beurteilung von  Authentizität und durch Vergleich mit ähnlichen anderen Büchern zum Erkennen der spezifischen Gestaltungsmerkmale.

 

Im Workshop A "Einfachheit beurteilen - Literatur für Leseanfänger auf dem Prüfstand" konnten die Teilnehmer sich unter der Leitung von Dr. Gudrun Stenzel (Hamburg) darin üben, Leseanfängertexte unter den Aspekten von Inhalt, Wortwahl und Layout daraufhin zu prüfen, inwieweit sie Anfängern das Lesen erleichtern.

 

In Workshop B "Zeitgeschichtliche Kinder- und Jugendliteratur zu Mauerfall und Wende im Literaturunterricht. Auswahl- und Beurteilungskriterien" gab Dr. Kirsten Kumschlies (Oldenburg) einen materialreichen Überblick über die zum Thema Wende in mehreren Wellen und in unterschiedlichen Genres erschienenen Kinder- und Jugendbücher und die Forschungssituation dazu. Sie zeigte an Rezensionsbeispielen, wie unterschiedlich die Bewertung eines Buches ausfallen kann, wenn die Rezensenten ihren Schwerpunkt auf unterschiedliche Beurteilungskategorien legen, d. h. mehr den literarischen oder den zeitgeschichtlichen Aspekt sehen. Das Interesse der Teilnehmer galt der Frage, wie weit Neuerscheinungen immer noch von einer negativen und klischeehaften Darstellung der DDR bestimmt sind und wie im Unterricht damit umzugehen ist.

 

Im Workshop C "Augen auf! - Was ein gutes Bilderbuch ausmacht" brachte Sarah Wildeisen (Berlin) die Teilnehmer dazu, in einem praktischen Selbstversuch von einem Bilderbuch vorerst nur den Text zu lesen, um nach Hinzuziehung der Bilder zu erkennen, welchen wesentlichen Beitrag zum komplexen Gesamterlebnis die Bilder leisten; denn sie transportieren Atmosphäre, legen offene Textaussagen in der Deutung fest, werten sie auch und erzählen Zusatzgeschichten.

 

Im Workshop D "Lesetagebücher: Förderung der Wertungskompetenz" unterbreitete
Jochen Heins (Hamburg) den Teilnehmern mehrere im Unterricht entstandene Lesetagebücher, in denen er mit den Schülerinnen und Schülern in einen schriftlichen Dialog getreten war. Ihre vorerst vom subjektiven Geschmack und von der eigenen Biographie bedingten Beurteilungen führte er durch Nachfragen zu differenzierteren Betrachtungen. Die Teilnehmer suchten die Stellen heraus, an denen ein Gespräch sinnvollerweise ansetzen könnte, um eine Beurteilungskompetenz zu entwickeln.

 

Marc Kudlowski (Paderborn) gab den Teilnehmern im Workshop E "Kinderliterarische Medien sichten und kriteriengeleitet auswählen" Gelegenheit, in einer Vielfalt mitgebrachter Medien zu stöbern und sie auszuprobieren und führte an einem Unterrichtsprojekt zu Mark Twains "Huckleberry Finn" vor, wie die unterschiedlichen Medien eines Medienverbunds gemeinsam eingesetzt werden können und sich dabei lernförderlich ergänzen.

 

"Kinder bewerten Bilderbücher. Bildliche Interpretationen didaktisch fruchtbar machen" war das Thema von Workshop F unter der Leitung von Dr. Christoph Jantzen (Hamburg). Er lenkte ihr Augenmerk darauf, wie die Illustratoren durch ihre spezifische Gestaltung von Techniken, Farben und Stimmungen der Geschichte jeweils eine eigene Wertung geben und wie Grundschulkinder durch Vergleich dafür sensibilisiert werden. Die Workshopteilnehmerinnen erkundeten anhand von Schülerarbeiten, wie diese Bilderbücher und insbesondere die Illustrationen werten.

 

Den Abschluss bildete ein Podiumsgespräch von Dr. Gudrun Stenzel mit dem Kinder- und Jugendbuchautor Salah Naoura und der Journalistin Katrin Hörnlein, die bei der Wochenzeitschrift "Die Zeit" das Ressort Kinder- und Jugendliteratur betreut und Jurymitglied für die Auszeichnungen des "Luchs" ist. Es ging darum, welche Art von Kritik durch die Leser einen Autor erreicht und wie er damit umgeht und andererseits um die Rolle der Kinder- und Jugendliteraturkritik in den Printmedien, deren Stellung heute in der Konkurrenz mit den digitalen Medien immer schwieriger wird.

 

Die Tagung wurde von der GEW hervorragend organisatorisch begleitet; sie sorgte für Werbung, Finanzen, Räume und Beköstigung. Dies und die inhaltliche Gestaltung der Tagung wurden von Teilnehmern positiv wahrgenommen.

Geralde Schmidt-Dumont

 

 

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