Sozialarbeit

GWA Projekt Son­n­en­lan­d kämpft um das Überleben­

Bericht einer GEW-konferenz am 7./8. September in Göttingen


Seit dem 1. Mai (!) 2007 sind die fünf SozialarbeiterInnen des Gemeinwesenprojektes Sonnenland arbeitslos. In dieser typischen Neubausiedlung der 60er Jahre im Osten Hamburgs wird damit – zunächst – eine vierzigjährige Praxis beendet, die bundesdeutsche Sozialarbeitsgeschichte schrieb

Kurz nach Bekanntgabe der Schließungsentscheidung bildete sich aus Bewohnern und ehemaligen Aktiven ein 16-köpfiger Retterrat. Sein Ziel, die offenen und gemeinwesenorientierten Teilhabemöglichkeiten im Sonnenland weiterzuführen, wird von dem Ende Juli 2007 gegründeten Förderverein GWA Sonnenland unterstützt. Mit ihm rufen vor allem Fach- und HochschullehrerInnen zu Sach- und Zeit-Spenden auf.

Die Gründe für die Schließung bzw. Neuausschreibung: Es gibt sie nicht!

In einem Flugblatt zu den Mutmaßungen, weshalb das Sonnenland abgewickelt werden soll, steht kurz und lapidar: »Kahrs wars« (Johannes Kahrs, SPD Bundestagsabgeordneter und Sprecher des rechten Seeheimer Kreises).

Der Kampf um das Sonnenland wird zu einem bundesweiten Präzedenzfall.

Die erste Botschaft lautet: Es darf keine offenen Angebote geben, in denen die Adressaten die Ziele ihrer eigenen Aktivitäten wesentlich mitbestimmen bzw. diese über Teilhabe sichern. Offene Angebote auch für Jugendliche, von denen bekannt ist, dass sie bei Straftaten erwischt wurden, sind nach dieser Lesart einzustellen zugunsten individualtherapeutischer bzw. auf Umerziehung zielender Ansätze (Antiaggressivitätstraining und Ähnliches).

Die zweite Botschaft ist damit eng verknüpft: Egal ob »Fördern oder Fordern« oder »Fordern oder Fördern«, gemeint ist in beiden Fällen: Wer seine Chance nicht nutzt, der hat mit den Konsequenzen zu rechnen. Diese Wendung ins Strafende in der Kinderund Jugendhilfe ist nur ein Element in der punitiven Wende einer als Gesellschaftspolitik sich verstehenden Sozialpolitik. Die (Wieder-) Einführung der geschlossenen Unterbringung, die Verschärfungen im Jugendstrafrecht, die pädagogische Legitimation von Zwangsmitteln, die positive Bewertung des Kurzzeitarrestes, die Propagierung des Stufenvollzuges à la Glen Mills Schools in der Heimerziehung gehen ebenso in diese Richtung wie die Aufhebung der seit Bismarck geltenden Unterscheidung zwischen Arbeiter- und Armenpolitik zugunsten der Armenpolitik (Hartz IV und Folgen). Weitere Symptome für diese punitive Wende sind der Abbau der sozialen Dienste in den Strafanstalten, die Zunahme von Gefängnisstrafen generell sowie die Propagierung und zum Teil rechtliche Regulierung verhaltenssteuernder Maßnahmen.

Um die Position des Projektes Sonnenland für zukünftige Auseinandersetzungen, aber auch Verhandlungen zu stärken, ruft der Förderverein GWA Sonnenland zu Spenden auf. Wichtigstes Ziel ist es, bis Ende des Jahres die Mieten für die Räume (ca. 1400 € mtl.) zu sichern sowie die von Freiwilligen aufrecht erhaltenen Angebote zu finanzieren. Willkommen ist jede Spende. Da wir uns jedoch auf einen längeren Prozess gefasst machen müssen, suchen wir 150 MitstreiterInnen, die monatlich 10 € einzahlen!

Timm Kunstreich